Pressemitteilung der Arbeitsgemeinschaft „Begegnung am Gotzinger Platz“ (30.06.06)
Der interreligiöse Dialog in Sendling hat begonnen. Der geplante Bau einer repräsentativen Moschee mit Kuppel und zwei Minaretten am Gotzinger Platz hat auf der einen Seite die Kritik vieler Anwohner hervorgerufen. Andererseits hat das Projekt den Moscheeverein ditim und seine beiden christlichen Nachbarn dazu angeregt, in Sendling mit dem interreligiösen Dialog und der Zusammenarbeit von Christen und Muslimen zu beginnen. Die neue Moschee mit ihren zwei Minaretten wird den Türmen von St. Korbinian gegenüberstehen – eine Situation, die zu Begegnung und Dialog zwischen Christen und Muslimen einlädt.
Die drei benachbarten Glaubensgemeinschaften, die katholische Gemeinde St. Korbinian, die evangelische Himmelfahrtskirche und der Moscheeverein ditim, nutzen diese Chance. Bereits im letzten Jahr haben sie ihre Arbeitsgemeinschaft „Begegnung am Gotzinger Platz“ gegründet. Deren Tätigkeit wird in diesem Jahr erstmals sichtbar:
1. http://www.gotzingerplatz.de/
Eine interreligiöse Website der drei Nachbarn bietet seit Ende Mai sowohl Informationen über den Gotzinger Platz und seine nähere Umgebung selbst, als auch Gelegenheit zum interreligiösen Dialog. Etwa jede Woche antworten Experten auf eine der zwischen den Religionen wichtigen Fragen. Per eMail können Bürger solche Fragen stellen. So wird nach und nach ein kleines Kompendium des interreligiösen Dialogs entstehen, das helfen könnte, Missverständnisse abzubauen. Natürlich berichtet die Website auch über die interreligiösen Aktivitäten in Sendling. Webmasterin ist Brigitte Hutt, Mitglied der Pfarrgemeinde St. Korbinian.
Mittels einer Postkarte werben wir sowohl für diese gemeinsame Website wie für die informativen und ansprechenden Websites der drei Gemeinden.
2. Interreligiöser Infostand bei der Stadtteilwoche Sendling
Bei der Sendlinger Stadtteilwoche am Neuhofener Berg treten die drei Glaubensgemeinschaften mit einem gemeinsamen Infostand vor die Öffentlichkeit. Gleichzeitig lädt der Moscheeverein die Sendlinger ein zur Moscheeführung und in die Ausstellung zur neuen Moschee.
3. Interreligiöse Dialoggruppe
Unter Leitung von Peter Miller (Theologe beim Interreligiösen Dialog, Asamhaus, früher ÖKNI), wurde eine neue Dialoggruppe ins Leben gerufen. Hier treffen sich Personen unterschiedlichen Glaubens (Katholiken, Protestanten, Muslime, Buddhisten, u.a.) zum Gespräch über Glaubensfragen. Das erste Treffen hat bereits in der Sendlinger Moschee stattgefunden. Etwa 20 Personen haben sich beteiligt. Interessenten seien auf die Website http://www.gotzingerplatz.de/ verwiesen.
Darüber hinaus denken die drei Sendlinger Glaubensnachbarn an ein großes interreligiöses Fest am Gotzinger Platz – zum Ersten Spatenstich, der vielleicht schon 2007 erfolgen wird.
Die drei Sendlinger Glaubensgemeinden und Nachbarn verstehen ihre Kooperation vor allem als Beitrag zur Integration. Eine sichtbare, eine repräsentative Moschee wird zum Zeichen, dass Muslime Mitbürger und Einheimische geworden sind. Eine solche Moschee macht es den Muslimen selbst bewusst, dass sie jetzt dazugehören – aber auch ihrer nicht-muslimischen Umwelt. In versteckten Hinterhofmoscheen zu beten, ist ein Zustand, den wir auf die Dauer nicht für tragbar halten.
Für alle drei Gemeinden stellt die nun intensiv werdende Begegnung eine – durchaus erwünschte – Herausforderung dar. Alle drei gehen davon aus, dass unsere Gemeinsamkeiten überwiegen. Wir verehren den Einen Gott, auch wenn wir ihn unterschiedlich sehen. Wir leben in einer eher wenig religiösen Umwelt; deshalb tun wir als religiöse Menschen gut daran, uns zu verständigen und, soviel wie möglich und sinnvoll, gemeinsam zu handeln. Andererseits charakterisieren uns auch die jeweiligen Besonderheiten, und wir beobachten mit freundlicher Neugier diese Unterschiede unter uns. Alle drei Glaubensnachbarn werden voneinander lernen.
Für den Moscheeverein ditim sind Öffnung zur Nachbarschaft und interreligiöser Dialog etwas Neues. Mit dem Projekt der neuen Moschee hat ditim den Schritt in die Sichtbarkeit getan und muss sich nun der kritischen Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit stellen. ditim lernt, als Teil des Stadtviertels zu handeln, und lernt außerdem, sich auf religiöser Ebene mit den christlichen Nachbarn auszutauschen. Zugleich hofft ditim, in Zukunft noch effektiver für die Integration ihrer meist türkischen Mitglieder und Besucher wirken zu können. Der Moscheeverein bedankt sich von ganzem Herzen bei seinen beiden christlichen Nachbarn für die Bereitschaft, die Nachbarschaft zu pflegen.
Die katholische Kirchengemeinde St. Korbinian hatte es nicht leicht, die vorhandenen Bedenken der deutschen Nachbarn zu vereinbaren mit dem christlichen Auftrag der Kirche. Das Erzbischöfliche Ordinariat hat sich dankenswerter Weise von Anfang an positiv zur Moschee geäußert, ebenso der Kirchenrat. Auch in der Gemeinde gibt es Personen, die die Kooperation mit der Moschee engagiert unterstützen. Insgesamt ist das Projekt aber in der Kirchengemeinde noch umstritten.
Die evangelische Himmelfahrtskirche freut sich über die Kooperation, die sich mit dem Moscheebauprojekt als Katalysator entwickelt hat. Zugleich bietet sich damit die Chance einer verstärkten ökumenischen Beziehung zwischen den katholischen und der evangelischen Gemeinde in Sendling. Die evangelischen kirchenleitenden Personen und Gremien in München haben sich öffentlich für den Moscheebau und damit verbunden für einen intensiven interreligiösen Dialog ausgesprochen. Die Himmelfahrtskirche plant dazu Gesprächsabende.
Die drei Nachbarn rund um den Gotzinger Platz wollen auch ein Zeichen setzen gegen anti-islamische Stimmungen, die sich in letzter Zeit verschärft haben. Unsere gemeinsame Aufgabe ist, es nicht zum „Zusammenprall der Zivilisationen“ kommen zu lassen. Die Arbeitsgemeinschaft „Begegnung am Gotzinger Platz“ wird befürwortet von den Sendlinger Gemeinden St. Korbinian, Himmelfahrtskirche und ditim.
Andrea Borger (Dekanin Prodekanat Süd, Himmelfahrtskirche); Leo Brux (ditim); Mehmet Emin Curuk (Vorsitzender von ditim); Zühriye Curuk (ditim); Gabriele Fuchsenthaler (Himmelfahrtskirche); Susanne Funk (St. Korbinian); Brigitte Hutt (St. Korbinian); Manfred Hutt (stellv. Pfarrgemeinderatsvorsitzender von St. Korbinian); Deniz Tekin (ditim); Önder Yildiz (ditim)
